25 Jahre 9/11: Das WTC-Projekt von Monika von Eschenbach

Künstlerische Perspektiven

Monika von Eschenbach – „WTC – 9/11: Dekonstruktion und Wiederaufbau der Welt“

Am 11. September 2026 jähren sich die Terroranschläge vom 11. September 2001 zum 25. Mal. 25 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 stellt sich nicht nur die Frage, wie wir uns an dieses Ereignis erinnern. Ebenso wichtig ist die Frage, wie Kunst die Veränderungen sichtbar machen kann, die daraus entstanden sind.

25 Jahre 9/11: Das WTC-Projekt von Monika von Eschenbach
Die Winter Stiftung Hamburg dokumentiert und fördert - zusammen mit der Artforum Culture Foundation - mit dem Projekt "WTC - 9/11": Dekonstruktion und Wiederaufbau der Welt" von Monika von Eschenbach eine künstlerische Ausenandersetzung, die den Blick über das unmittelbare Ereignis hinaus auf Zerstörung, Transformation, Wiederaufbau und kulturelles Gedächtnis richtet.Mit ihrem Kunstprojekt hat die Künstlerin und Architektin Monika von Eschenbach eine eigenständige, raumgreifende und multimediale Position zu diesem historischen Einschnitt und seinen langfristigen Folgen entwickelt.

Drei künstlerische Perspektiven

Der Medienkünstler Wolfgang Staehle schuf mit seiner Arbeit „2001“ eine außergewöhnliche Form unmittelbarer Zeugenschaft. Seine bereits laufende Internetinstallation übertrug im September 2001 kontinuierlich Ansichten von Lower Manhattan und zeichnete dadurch unbeabsichtigt auch den Angriff auf das World Trade Center auf.

Gerhard Richter wählte einen anderen Weg. Sein Gemälde „September“ (2005) verdichtet das weltweit bekannte Bild des brennenden World Trade Centers zu einer malerischen Reflexion über Bild, Erinnerung und historische Erfahrung.

Monika von Eschenbach setzt an einem anderen, zeitlich weiterführenden Punkt an. Sie konzentriert sich weder auf den dokumentierten Augenblick noch auf seine Verdichtung in einem einzelnen Bild. Ihr Projekt richtet den Blick auf Zerstörung, Transformation und Wiederaufbau sowie auf die langfristigen gesellschaftlichen und kulturellen Folgen von 9/11.

Gerade darin liegt die besondere Position ihres Werkkomplexes.

Wer ist Monika von Eschenbach?
Architektur, Raum und künstlerische Methode

Für das Verständnis des Projekts ist Monika von Eschenbachs biografischer Hintergrund von besonderer Bedeutung. Ihre künstlerische Arbeit verbindet sich mit langjähriger Erfahrung als Architektin. Sie war an großen Architektur- und Stadtentwicklungsprojekten beteiligt, darunter der Flughafen Leipzig/Halle, der MediaPark und die Entwicklung des Kölner Rheinauhafens mit seinem Umfeld der späteren Kranhäuser.

Raum und Architektur sind deshalb in ihrem 9/11-Projekt nicht lediglich Kulisse. Sie werden selbst zu künstlerischen Mitteln. Bereits in den 1990er-Jahren entwickelte von Eschenbach Verfahren, in denen fotografisches Material nicht nur als zweidimensionales Bild behandelt, sondern verändert, aufgebrochen, neu zusammengesetzt und in skulpturale Zusammenhänge überführt wird. Die Prinzipien von Destruktion und Konstruktion gehören damit zu ihrer künstlerischen Sprache lange vor der Entstehung des WTC-Projekts.

In „WTC – 9/11“ finden diese Erfahrungen aus Architektur, Konzeptfotografie und skulpturaler Fotoarbeit in besonderer Weise zusammen.

Bildinformationen werden zu raumgreifenden und beweglichen Objekten geformt und mit Performance, Tanz und Musik verbunden. Realität und Fiktion, statisches Bild und räumliche Erfahrung, Zerstörung und Neuformierung überlagern sich. Der Betrachter steht damit nicht lediglich vor einem Bild des historischen Ereignisses, sondern wird in einen sich verändernden Wahrnehmungsraum einbezogen.

Eschenbach, Monika von. WTC - 9/11. Down to Ground Zero
Eschenbach, Monika von. WTC - 9/11. Down to Ground Zero

Dekonstruktion und Wiederaufbau

Bereits der Titel „Deconstruction and Reconstruction of the World“ – „Dekonstruktion und Wiederaufbau der Welt“ verweist auf ein Spannungsverhältnis, das weit über die physische Zerstörung der Twin Towers hinausreicht.

Die Zerstörung des World Trade Centers steht nicht allein für den Verlust von Architektur und menschlichem Leben. Sie markiert zugleich eine Erschütterung politischer und gesellschaftlicher Gewissheiten.

Der Wiederaufbau wiederum verweist auf die Frage, wie Gesellschaften nach einem traumatischen Einschnitt neue Orientierung finden, wie Erinnerung bewahrt wird und wie aus Zerstörung neue Formen gesellschaftlicher und kultureller Wirklichkeit entstehen.

Das World Trade Center wird so zum Symbol einer Welt, die sich mit dem 11. September 2001 nachhaltig verändert hat.

Die entscheidende Frage des Projekts lautet deshalb nicht nur:

Was geschah am 11. September 2001?

Sondern:

Was hat dieser Tag mit der Welt gemacht – und was davon wirkt bis heute fort?

WTC 9/11 - Monika von Eschenbach .Ein verschwommenes, abstraktes Bild mit Farbverläufen in tiefem Rot, Magenta und dezenten violetten Nuancen, die einen sanften und lebendigen Hintergrund bilden.
WTC 9/11 - Monika von Eschenbach

Ein multimedialer Werkkomplex

Die besondere Qualität des Projekts liegt in seiner Verbindung verschiedener künstlerischer Medien.

Skulpturale Fotoarbeiten, Grafik, räumliche Installation, Modelle, Performance, Tanz, Musik, Film und Publikationen greifen ineinander. Aus ihnen entsteht kein einzelnes Erinnerungsbild, sondern ein vielschichtiger Denk- und Erfahrungsraum. Die Winter Stiftung bezeichnete die Präsentation entsprechend als ein „multimediales Skulpturenprojekt“ und hob die raumgreifende Inszenierung als wesentliches Element hervor.

Die Methoden von Destruktion und Konstruktion erhalten dabei eine doppelte Bedeutung: Sie bestimmen sowohl die künstlerische Form als auch den inhaltlichen Gedanken des Projekts.

Fotografische Bilder werden dekonstruiert und neu geordnet – ebenso wie das Projekt danach fragt, wie nach einer historischen Zäsur Wirklichkeit, Wahrnehmung und gesellschaftliche Ordnung neu zusammengesetzt werden.

Gerade hier lässt sich die Eigenart von Eschenbachs Ansatz im Vergleich zu Staehle und Richter prägnant fassen:

Staehle hält den Augenblick fest. Richter verdichtet ihn im Bild. Von Eschenbach untersucht seine Transformation und fragt danach, was danach geschah und was davon geblieben ist.

 

WTC-911.-Monika-von-Eschenbach-Buch-zum-Projekt. Auf dem sichtbaren Einband steht: „Monika von Eschenbach WTC – 9/11: Dekonstruktion und Rekonstruktion der Welt“, und es zeigt abstrakte, geometrische Kunstwerke in sanften Farbtönen.
WTC-911.-Monika-von-Eschenbach-Buch-zum-Projekt

Publikationen als Bestandteil des Projekts

Auch die im Zusammenhang mit dem Projekt entstandenen Katalogpublikationen sind mehr als reine Begleitmaterialien.

Sie erweitern den Werkkomplex um eine publizistische und reflexive Ebene und verbinden Bild, Text und künstlerische Konzeption. Damit tragen sie dazu bei, die Auseinandersetzung über den Ausstellungszeitraum hinaus zu dokumentieren und dauerhaft zugänglich zu machen.

Gerade 25 Jahre nach 9/11 erhält dieser Aspekt besondere Bedeutung. Für jüngere Generationen ist der 11. September zunehmend kein selbst erlebtes Ereignis mehr, sondern Geschichte. Die Frage, wie Erinnerung weitergegeben wird, wird damit selbst zu einer kulturellen Aufgabe.

MOnika-von-Echenbach-WTC-911-Installation. Zwei kegelförmige, gewebte Skulpturen mit herabfallenden, bandartigen Streifen in Schwarz-, Weiß-, Grau- und Goldtönen, präsentiert vor einem weißen Hintergrund.
Monika-von-Echenbach-WTC-911-Installation

Von Deutschland nach New York

Eine besondere internationale Dimension erhielt das Projekt durch das Engagement der Winter Stiftung Hamburg und der Artforum Culture Foundation.

Durch Donationen der beiden Stiftungen gelangten Publikationen und grafische Arbeiten aus dem Projekt von Monika von Eschenbach zum National September 11 Memorial & Museum in New York.

Diese Verbindung besitzt eine besondere symbolische Bedeutung: Ein in Deutschland und Europa entwickelter Werkkomplex, der sich mit 9/11 und dessen Folgen auseinandersetzt, findet seinen Weg an jenen Ort, an dem die Erinnerung an die Opfer und die Geschichte der Anschläge dauerhaft bewahrt und vermittelt werden.

Das Engagement der beiden Stiftungen steht damit nicht allein für Kunstförderung, sondern ebenso für kulturelle Verantwortung und internationale Erinnerungskultur.

Abstraktes Bild mit verschiedenen, sich überlappenden geometrischen Formen in unterschiedlichen Rottönen, die ein vielschichtiges und strukturiertes Erscheinungsbild erzeugen.
Monika-von-Eschenbach-WTC-screenshot

Warum das Projekt 2026 neue Aktualität gewinnt

Mit wachsendem zeitlichem Abstand verändert sich die Erinnerung an 9/11.

Die unmittelbare Erfahrung tritt zurück, während historische Einordnung und die Frage nach den langfristigen Folgen an Bedeutung gewinnen. Genau hier besitzt Monika von Eschenbachs Projekt eine bemerkenswerte Aktualität.

Schon bei seiner Vorstellung verstand sie die Arbeit als symbolischen Akt, der die politischen und kulturellen Umbrüche nach dem 11. September wieder stärker in das kollektive Bewusstsein rücken sollte – verbunden mit der Überzeugung, dass deren Folgen Gegenwart und Zukunft weiterhin prägen.

Ein Vierteljahrhundert nach den Anschlägen erscheint diese Fragestellung keineswegs abgeschlossen. Fragen nach gesellschaftlicher Polarisierung, kulturellen Gegensätzen, Sicherheit, Verletzlichkeit, Zerstörung und Wiederaufbau bestimmen weiterhin unsere Gegenwart.

Gerade deshalb ist „WTC – 9/11: Dekonstruktion und Wiederaufbau der Welt“ nicht nur ein Projekt über Erinnerung.

Es ist ein Projekt über Transformation und Fortwirkung.

Eine besondere Position

Es wäre nicht sinnvoll, die unterschiedlichen künstlerischen Reaktionen auf 9/11 in eine Rangfolge zu bringen. Ihre Bedeutung liegt gerade in ihrer Verschiedenheit.

Staehles mediale Zeugenschaft, Richters malerische Verdichtung und von Eschenbachs raumgreifende, multimediale Reflexion stehen für unterschiedliche Möglichkeiten der künstlerischen Auseinandersetzung mit derselben historischen Zäsur.

Der Vergleich unterstreicht zugleich die Eigenständigkeit von Monika von Eschenbach.

Mit „WTC – 9/11: Dekonstruktion und Wiederaufbau der Welt“ hat sie einen Werkkomplex geschaffen, in dem ihre Erfahrungen aus Architektur, Konzeptfotografie und skulpturaler Bildarbeit zusammenfinden. Die von ihr bereits Jahrzehnte zuvor entwickelten Methoden von Destruktion und Konstruktion erhalten angesichts von 9/11 eine neue historische und gesellschaftliche Dimension.

Während Staehle den Augenblick festhielt und Richter ihn im Bild verdichtete, richtet von Eschenbach den Blick auf den Prozess danach: auf Zerstörung und Transformation, auf Wiederaufbau und Erinnerung und auf die Frage, wie historische Ereignisse über Jahrzehnte hinweg unsere Wahrnehmung der Gegenwart verändern.

Gerade zum 25. Jahrestag liegt darin die besondere Aktualität ihres Projekts.
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Der 11. September 2026 ist zunächst ein Tag des Gedenkens an die Opfer und ihre Angehörigen. Er ist zugleich Anlass, danach zu fragen, wie Geschichte im kulturellen Gedächtnis weiterlebt und welche Rolle Kunst dabei übernehmen kann.

Das Projekt von Monika von Eschenbach und das Engagement der Winter Stiftung Hamburg und der Artforum Culture Foundation stehen für diese Verbindung von Kunst, Erinnerung und kultureller Verantwortung.

25 Jahre nach 9/11 erinnert dieses Projekt nicht nur an das, was geschehen ist.
Es fragt danach, was daraus geworden ist – und was davon bis heute fortwirkt.

11. September 2001 – 11. September 2026
25 Jahre Erinnerung.
Kunst als Gedächtnis – Transformation als Gegenwart – Reflexion als Verantwortung.

Publikation zum Projekt WTC 9/11
Monika von Eschenbach. WTC - 9/11.
Deconstruction and Reconstruction of the World.  
Kulturclash | Clash of cultures
Hg. Peter Merten, mit Beiträgen von Leonardo Safiriou und Sybille Moore
Deutsch-englische Ausgabe, Hardcover
KPM | ArtForum Editions, 2024
ISBN 978-3-910694.05.7

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