Über das Bewahren im Fragilen

„Quality of Life“: Lenke Rothman im Kunstverein in Hamburg

Es gibt Ausstellungen, die laut auftreten. Und es gibt solche, die ihre Dringlichkeit leise entfalten. Quality of Life gehört zu Letzteren.

Erstmals wird das Werk von Lenke Rothman (*1929 in Budapest; † 2008 in Stockholm) außerhalb Schwedens in einer umfassenden Überblicksausstellung im Kunstverein in Hamburg gezeigt. Dieser Schritt ist mehr als eine kunsthistorische Ergänzung: Eine Künstlerin, die im nordischen Kontext längst verankert ist, tritt in einen erweiterten europäischen Dialog.

Rothman überlebte als Jüdin Verfolgung und Shoah. Nach dem Krieg lebte sie in Schweden, entwickelte eine künstlerische Sprache, die von Brüchen, Verlust und Neubeginn geprägt ist. Ihr Œuvre ist in bedeutenden schwedischen Sammlungen vertreten, darunter im Moderna Museet, Malmö Konsthall und im Nationalmuseum. Dort ist ihr Werk Teil des musealen Gedächtnisses; außerhalb Schwedens jedoch blieb es bislang selten umfassend zugänglich.

Lenke RothmanQuality of LifeKunstverein in Hamburg2026Lenke Rothman, aus der Serie Faces Burnt in Fabric, 1976. Privatsammlung. Foto ©Helene Toresdotter/Malmö Konsthall
Lenke RothmanQuality of LifeKunstverein in Hamburg2026Lenke Rothman, aus der Serie Faces Burnt in Fabric, 1976. Privatsammlung. Foto ©Helene Toresdotter/Malmö Konsthall

Die Hamburger Ausstellung führt frühe abstrakte Gemälde der 1950er und 60er Jahre mit späteren, materialbetonten Arbeiten der 1970er und 80er Jahre zusammen. Stoffe werden vernäht, Papiere eingeritzt, Fundstücke umhüllt oder verkohlt. Was fragil erscheint, wird Träger von Erinnerung. Wiederkehrende Gesten – Nähen, Flicken, Einschreiben – formulieren eine Haltung: Reparatur nicht als Rückkehr, sondern als Fortsetzung; Erinnerung nicht als Monument, sondern als Bewegung.

Für die  Winter Stiftung Kunst Kultur Soziales Hamburg, die Kunst im Zusammenhang mit sozialen Prozessen versteht, spricht die Arbeit von Lenke Rothmann grundlegende Fragen an: Wie gehen Gesellschaften mit historischen Brüchen um? Wie kann Vergangenes präsent bleiben, ohne zu erstarren? Und welche Rolle spielt künstlerische Praxis dort, wo Sprache an Grenzen stößt?

Solche Fragen berühren auch unsere eigenen Förderung von neuer feministischer Kunst (z.B. bei Monika von Eschenbach, Jana Dettmer, Corinna Zieleke, Leoni) und unseren Sammlungsbestand. So verarbeitete z.B. der Künstler Michael Jansen (*1951) in einem Textilobjekt seine Erfahrungen im Mittleren Osten der 1980er Jahre. Auch hier wird das textile Material zum Träger biografischer Einschreibungen und historischer Spannungen. Ohne die Arbeiten gleichzusetzen, entsteht doch eine gedankliche Verbindung: Stoff als Membran zwischen individueller Erfahrung und politischer Wirklichkeit, als Medium des Erinnerns und Bewahrens.

Dass der Kunstverein diese erste umfassende Präsentation außerhalb Schwedens realisiert, ist Ausdruck eines kuratorischen Selbstverständnisses, das auf Recherche, Kontextualisierung und nachhaltige Perspektiven setzt. Solche Projekte erweitern den kulturellen Diskurs einer Stadt nicht durch Spektakel, sondern durch Vertiefung.

Als Stiftung verstehen wir es als Teil unserer ideellen Aufgabe, auf Vorhaben aufmerksam zu machen, die Kunst als gesellschaftlichen Resonanzraum begreifen. Quality of Life ist ein solches Projekt. Es lädt dazu ein, genauer hinzusehen – auf das Fragile, das Bewahrte und das, was zwischen Zerstörung und Fortbestehen möglich bleibt.

Diese Ausstellung verdient Öffentlichkeit:

Quality of Life

 

GS/LS

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