Hanne Darboven: Ein Haus, ein Werk, ein lebendiges kulturelles Erbe

Hanne Darbovens Haus in Hamburg-Harburg ist weit mehr als ein biografischer Erinnerungsort. Es gehört auf besondere Weise zu ihrem Werk. Am 3. Oktober wird die historische Villa der Familie Darboven am Burgberg erneut zu einem Ort der Begegnung mit einer der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen der Nachkriegszeit.

Unter dem Titel Hanne Darboven’s House Revisited veranstaltet der Kunstverein in Hamburg dort die zweite Ausgabe eines Symposiums, das sich dem Leben und Werk der Künstlerin widmet und zugleich danach fragt, welche Bedeutung ihr Haus für das Verständnis ihres künstlerischen Denkens besitzt.

Das Haus als Teil des Werkes

Für Hanne Darboven war das Gebäude vieles zugleich: Familienhaus und Atelier, Arbeitsraum und Archiv, Aufbewahrungsort und beinahe eine Form von Galerie. Diese verschiedenen Funktionen lassen sich kaum voneinander trennen. Wer sich Darbovens Werk nähert, begegnet einem Universum aus Zahlen, Schrift, Kalendern, Dokumenten, Fotografien, musikalischen Strukturen und systematischen Wiederholungen. Zeit, Erinnerung und Ordnung werden darin nicht nur dargestellt, sondern in konsequenter täglicher Arbeit geradezu materialisiert. Das Haus war der räumliche Rahmen dieses Denkens und Arbeitens und wurde über die Jahre selbst zu einer Art Speicher. Gerade deshalb lässt sich Darbovens künstlerisches Œuvre nur schwer vollständig von dem Ort lösen, an dem es entstand.

Ein Symposium über Ort, Erinnerung und künstlerische Arbeit

Das Symposium nimmt diesen Zusammenhang zum Ausgangspunkt.
Organisiert von Milan Ther und Sarah Messerschmidt, versammelt Hanne Darboven’s House Revisited Beiträge von Matilde Guidelli Guidi, Sharon Kivland, Nick Mauss und Ken Okiishi, Miriam Schoofs sowie William Stewart.

Im Zentrum steht das Motiv des Hauses – und damit eine Frage, die über Darbovens Biografie hinausweist: Welche Rolle spielt der Ort, an dem Kunst entsteht, für das spätere Verständnis eines Werkes?
Bei Darboven wird diese Frage besonders interessant, weil Leben, Sammeln, Archivieren und künstlerische Produktion so eng miteinander verbunden waren. Das Haus ist damit nicht einfach die Kulisse einer Künstlerbiografie. Es wird selbst zu einer Quelle.

Zwischen Bewahren und neuem Nachdenken

Bemerkenswert ist zugleich die Zusammenarbeit zwischen dem Kunstverein in Hamburg und der Hanne Darboven Stiftung. Sie ermöglicht einen Umgang mit künstlerischem Erbe, der über reine Bewahrung hinausgeht. Darbovens Haus wird so zu einem Ort des Nachdenkens und der erneuten Auseinandersetzung mit ihrem Werk. Gerade ein Künstlerhaus kann Zusammenhänge sichtbar machen, die sich in einer klassischen Ausstellung nur schwer vermitteln lassen: Werk, Alltag, Arbeitsweise und biografischer Ort treten hier unmittelbar miteinander in Beziehung.

Die Hanne Darboven Stiftung wurde im Jahr 2000 von der Künstlerin selbst gegründet und hat ihren Sitz in Hamburg. Ihr Ziel ist es, Darbovens vielschichtiges Werk zwischen künstlerischem Schreiben, bildender Kunst und musikalischer Komposition zu erhalten und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Darüber hinaus engagiert sich die Stiftung für zeitgenössische Kunst und fördert junge Künstlerinnen und Künstler.

Künstlerhäuser als Teil des kulturellen Gedächtnisses Hamburgs

Für Hamburg besitzen Künstlerhäuser, Archive und historische Arbeitsorte eine Bedeutung, die leicht hinter den großen Museen und Ausstellungshäusern zurücktritt. Dabei sind gerade solche Orte ein wichtiger Teil des kulturellen Gedächtnisses einer Stadt. Sie erlauben einen unmittelbaren Zugang zu künstlerischen Biografien und bewahren nicht nur einzelne Werke, sondern auch die Räume, Zusammenhänge und Arbeitsbedingungen, aus denen Kunst entstanden ist. Ihr Wert liegt deshalb nicht ausschließlich in historischen Dokumenten oder erhaltenen Gegenständen. Er liegt auch in der Möglichkeit, Vergangenheit immer wieder aus der Gegenwart heraus neu zu betrachten.

Aufmerksamkeit für ein wichtiges Hamburger Kulturprojekt

Aus diesem Grund möchte auch die Winter Stiftung Hamburg Stiftung auf das Symposium aufmerksam machen:  aus Interesse an Initiativen, die das kulturelle Erbe Hamburgs sichtbar und zugänglich halten.

Die Veranstaltung am Burgberg ist ein Beispiel dafür, wie bestehende kulturelle Orte durch wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung immer wieder neu betrachtet werden können. Gerade diese Form der Aufmerksamkeit ist wichtig. Denn kulturelles Erbe bleibt nicht allein dadurch lebendig, dass es bewahrt wird. Es braucht Öffentlichkeit, Diskussion und immer wieder neue Zugänge.

Hanne Darboven und die Erfahrung von Zeit

Gerade bei Hanne Darboven erscheint dieser Gedanke besonders passend. Ihr Werk beschäftigt sich auf fundamentale Weise mit Zeit: mit ihrem Vergehen, ihrer Messbarkeit, ihrer Wiederholung und ihrer Übersetzung in Systeme und Zeichen.

Dass ihr Haus heute nicht nur als Zeugnis einer abgeschlossenen Vergangenheit betrachtet wird, sondern erneut zum Ausgangspunkt von Gesprächen und Reflexionen wird, setzt dieses Denken auf überraschende Weise fort. Vergangenheit und Gegenwart stehen hier nicht getrennt nebeneinander. Sie überlagern sich.

So wird Hanne Darboven’s House Revisited auch zu einem Beispiel dafür, wie der Nachlass bedeutender Künstlerinnen und Künstler lebendig gehalten werden kann. Das Bewahren allein ist dabei nur ein Teil der Aufgabe. Kulturelles Erbe gewinnt zusätzliche Bedeutung, wenn es weiterhin Fragen hervorruft, neue Perspektiven ermöglicht und Menschen dazu einlädt, sich damit auseinanderzusetzen.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Qualität dieses Tages: Man begegnet Hanne Darboven nicht nur über einzelne Werke, Abbildungen oder kunsthistorische Texte, sondern an jenem Ort, an dem Leben und Arbeit über Jahrzehnte miteinander verbunden waren. Das Haus wird damit selbst zu einem Zugang zu ihrem Werk – und zugleich zu einem bemerkenswerten Teil der Hamburger Kulturgeschichte.

Hanne Darboven’s House Revisited – Termin und Ort

Das Symposium findet am Samstag, 3. Oktober, ab 11 Uhr am Burgberg 26–28, 21079 Hamburg-Harburg statt.

Um Anmeldung über den Kunstverein in Hamburg wird gebeten: hamburg [at] kunstverein.de .

Das Symposium wird in Zusammenarbeit mit der Hanne Darboven Stiftung ermöglicht und insbesondere von JEF – Not a Foundation, Phillips Auctioneers sowie der Behörde für Kultur und Medien Hamburg unterstützt.
LS

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