Weltfrauentag – ja! Jeden Tag!

Emanzipation, Freiheit und Toleranz als soziale Aufgabe

Der Tag der Frau, des Kindes,  der Tag der Migranten und Flüchtlinge; aber auch der Tag des deutschen Schlagers, der Poesie und der Jogginghose. Was sie gemeinsam haben? Sie wollen aufmerksam machen auf den nötigen Respekt gegenüber eines Teil der Menschheit, einzelner Gruppen oder auch nur für das banale Interesse einer Sache oder eines Hobbys.

Der Weltfrauentag ist dennoch etwas Besonderes, denn er betrifft über die Hälfte der Menschheit. Es ist deshalb erstaunlich, dass es ihn überhaupt gibt. Erstaunlich ist auch, dass er sogar gesetzlicher Feiertag ist in so unterschiedlichen Regionen wie dem Bundesland Berlin,  Afghanistan, Georgien und Kuba.

"Wollen wir Missachtung und Unterdrückung verhindern,
müssen wir aufhören in Geschlechtern, Klassen, Rassen und Kategorien zu denken,
sondern anerkennen, dass alles mit allem verbunden ist
und wir uns nur im Miteinander vollenden können."

Ein Gedenktag möchte aufmerksam machen, auf etwas was bedroht ist, was verloren zu gehen droht. Aber sind Frauen in der Bedrängnis auszusterben? Sicher nicht; ihr Anteil an der Menschheit liegt aktuell bei über der 50%, mit durchaus steigender Tendenz. Ins Leben gerufen wurde der Weltfrauentag 1910 von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin, um das Wahlrecht für Frauen zu fordern. Im damaligen Europa war das Wählen gerade einmal den Finninnen erlaubt. Frauenwahlrecht war damals noch ersehnte Utopie.

(c) Werte-Anstecker von Heinz Zolper. Symbol für Emanzipation, Freiheit und Toleranz. ArtForum Editions

(c) Werte-Anstecker von Heinz Zolper. Symbol für Emanzipation, Freiheit und Toleranz. ArtForum Editions*

Um Frauenrechte war und ist es aber generell nicht so gut bestellt.  In einem anscheinend so zivilisierten Land wie der Schweiz  wurde die politische Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau erst 1971 eingeführt. Wesentlich fortschrittlicher war auch die Bundesrepublik Deutschland nicht, wo erst 1976 nach entsprechenden Resolutionen der UNO das Leitmodell der „Hausfrauenehe“ durch das Partnerschaftsprinzip ersetzt wurde. Seither gibt es für die Ehe keine gesetzlich vorgeschriebene Aufgabenteilung mehr. Die Ehefrau kann endlich nicht nur selbstständig arbeiten, sondern auch selbst über ihr Konto verfügen und Kredite aufnehmen ohne Zustimmung des Ehemannes. Erst 2013 stimmte eine Konferenz der Vereinten Nationen für eine Erklärung, nach der Frauen und Mädchen die gleichen Rechte und der gleiche Schutz wie Männern und Jungen gewährt werden sollen. Letzten Endes entsprach diese Regelung nur der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahre 1948.

Frauen auf dem Vormarsch - Hat sich etwas geändert?

Mittlerweile sind Frauen - außer in der islamischen Welt - überall auf dem Vormarsch. Und in Deutschland? - Da kann man sich gerade nicht einmal vorstellen, dass es anstelle der Kanzlerin einen Kanzler geben sollte. Frauen scheinen viel erreicht zu haben - sie arbeiten als Pilotinnen, werden Box- und Fußballweltmeisterinnen und sind als Expertinnen in Chefetagen gesucht.

Und? Was hat das bisher gebracht? Schaut man sich die Situation der Frauen in ihrer Doppelbelastung zwischen Familie und Beruf an, so entdeckt man immer noch diesen Teil der Menschheit eingekeilt zwischen einer Männerwelt, die nicht aufgrund von fachlichen Qualitäten allein dominieren möchte, sondern als Träger eines „vorstehenden Geschlechts“.  Das Verhalten, das Frauen, unabhängig von Ausbildung und beruflicher Stellung, tagtäglich erfahren müssen von Seiten der Männerwelt - und gerade auch von Frauen, die sich aus Unvernunft oder aus Opportunismus auf die Seite der mächtigeren Männer stellen -  ist nach wie vor bemerkenswert bis irritierend und sogar abgrundtief hasserfüllt. Die Rolle, die Männer nach einer Ewigkeit des Matriarchats, übernommen haben, diese Rolle wollen viele nicht oder nur sehr ungern ablegen. Das Primatenverhalten von Männern, insbesondere solchen, die sich als Alpha-Männchen gerieren, ohne die notwendigen Fähigkeiten überhaupt zu besitzen, verhindert nicht mehr den Weg zur Gleichberechtigung, die für jeden logisch denkenden Menschen nicht diskutierbar ist, aber sie behindert sie unsäglich.

Der Blick auf Frauen und Ihre Chancen macht nur allzu deutlich, dass sie bei gleichen Voraussetzungen Männer sogar überholen können. Frauen machen heute häufig bessere und schnellere Abschlüsse als ihre männlichen Kommilitonen sogar in den Ingenieur- und Naturwissenschaften. Einer Studie aus Großbritannien zufolge tragen z.B. von Frauen operierte Patienten ein geringeres Risiko. Frauen sind z.B. auch im Finanzsektor oft die erfolgreicheren Anleger. Nach der Studie "Women Matter" der Unternehmensberatung McKinsey erwirtschaften Firmen mit hohem Frauenanteil  in den Führungsetagen deutlich mehr Umsatz als rein männlich geführte. Dies sollte eigentlich hoffnungsfroh stimmen, denn es nützt der ganzen Gesellschaft.

Frauen leben wesentlich länger als Männer, möglicherweise, weil sie  ausgeglichener und damit weniger stark depressionsgefährdet sind als ihre männlichen Geschlechtsgenossen.

Aber all das beschreibt die Situation in sogenannten zivilisierten Staaten, sie spricht nicht per se für  die Frauensituation weltweit, wo physische Unterdrückung erklärter Teil des traditionellen patriarchalischen Systems sind. Eine besonders grausame „Tradition“ ist  die Beschneidung von jungen Mädchen, die vornehmlich in Afrika, aber auch weiteren Bereichen der Welt praktiziert wird. Es wird geschätzt, dass weltweit etwa 200 Millionen beschnittene Mädchen und Frauen mit Genitalverstümmelungen leben und jährlich kommen etwa drei Millionen Mädchen hinzu, meist unter 15 Jahren. Angesichts der Situation von Frauen weltweit, also etwa 4 Milliarden Menschen, bewirken diese kriminellen Auswüchse, denn nichts anderes stellen sie für die Betroffenen dar, ein schreckliches Elend; aber dennoch bilden sie eine Ausnahme.  Eine Ausnahme sind auch die vielen Millionen Frauen, die durch Menschenhandel und Sklaverei ihres Menschseins beraubt sind.

Eine nahezu alle Frauen betreffende Situationen sind aber die Aggressionen, die Ihnen alltäglich widerfahren können, innerhalb ihrer Familien, wenn sie allein unterwegs sind - und erst recht  am Abend oder in der Nacht. Allein die tagtägliche Angst, die Frauen wie Kinder erleben müssen, ist bereits auf den ersten Blick monströs. Dies zeigt noch einmal das Verhältnis der Geschlechter untereinander und das Verhalten Frauen und Kindern gegenüber während der Pandemiezeit sehr anschaulich. Man kann es drehen und wenden, wie man möchte, es sind Männer - und sie unterstützende Frauen - die für dieses Desaster zuständig sind. Irgendetwas scheint in der Erziehung der Menschen komplett aus dem Ruder zu laufen, wenn man bedenkt, dass in den meisten Fällen auch die Männer ja von Müttern erzogen werden und diesen Müttern auch für den erwachseneren Mann eine hohe Kernkompetenz zugestanden wird.  Wie kann  es dann nur zur Respektlosigkleit gegenüber Frauen oder allgemein gegenüber den  vermeintlich Schwächsten kommen? Liegt es vielleicht darin, dass Mütter in ihre Söhne eigene Vorstellungen vom Anführer und Gewinner - der ihnen unterstellt ist - projezieren? Da gibt es aber auch noch die Schule und sonstigen Ausbildungsstätten, wo eigentlich nach erprobten pädagogischen Konzepten junge Menschen aufs Leben vorbereitet werden sollen.  Die Wirklichkeit ist leider nur allzuoft anders: Harter Wettbewerb verdrängt soziales Miteinander; Mobbing ist an der Tagesordnung, wobei nicht der Mobber, sondern der Gemobbte die Konsequenzen trägt. Man wird vorbereitet einer Wirtschaft nützlich zu sein, lernt bestenfalls, wie man Maschinen und Softwareprogramme erfinden kann. Leistungen den Mitmenschen  gegenüber und Förderung der emotionalen Intelligenz sind aber nicht Teil der Lehre. Was aber haben wir erreicht, wenn nicht ein gesellschaftliches Miteinander die Grundlage unseres Lebens bildet?

Die Rechte von Frauen? Sie sind die Rechte der Männer - sie sind die Rechte der Kinder - sie sind die Rechte aller Menschen - sie sind die Rechte der Natur. Menschenrechte sind nicht teilbar, d. h. jeder Mensch hat einen Anspruch auf die gleichen Rechte - unabhängig von Rasse, Herkunft, sozialem Status, Geschlecht oder anderen Eigenschaften. Rechte bleiben aber Makkalatur, selbst wenn sie in neue Gesetze gegossen werden, wenn nicht Empathie mit Intelligenz gepaart wird, wenn Rechte nur schwer durchzusetzen und nur allzu oft in das Belieben von Bürokraten und Richtern gestellt sind. Welche Frau hat schon die Privilegien, wie Frauen im deutschen Bundestag?  Und dennoch scheinen auch sie für etliche Männer Freiwild zu sein, offensichtlich Wesen zweiter Klasse.  Hier scheint der Kernpunkt des Problems zu liegen: Das tatsächlich real existierende asoziale Mehrklassensystem - getragen von der Respektlosigkeit dem Anderen gegenüber. Verachtung und der Wunsch nach totaler Unterwerfung, meist miteinander gepaart, sind die Eigenschaften, die das schönste Leben unerträglich werden lassen.

Systeme, die den anderen Menschen und die Natur aber nicht achten und respektieren, führen  folgerichtig zu Missachtung und Unterdrückung. Wollen wir dies verhindern, müssen wir aufhören in Geschlechtern, Klassen, Rassen und Kategorien zu denken, sondern  anerkennen, dass alles mit allem verbunden ist und wir uns nur im Miteinander vollenden können.

Wenn diese Überlegungen am Weltfrauentag in die Herzen und Hirne der Menschen eingehen würden, dann hätte nicht nur dieser Tag, sondern jeder andere Gedenktag wirklich seinen Namen verdient.

Peter Merten/ S-Ae

* Unter dem Begriff "Versöhnung der Werte" hat der Künstler Heinz Zolper eine Ansteckbrosche entworfen (Emaille auf Eisen, handgefertigt), die nicht nur gut aussieht und schmückt, sondern mit der man auch öffentlich Position beziehen kann  gegen Intoleranz und für Menschenwürde.

Zolper: Anregung nicht nur zum Weltfrauentag

Liebe und Respekt. Public-sculpture-project von Heinz Zolper

 

Weltfrauentag: Heinz Zolper, Liebe und Respekt. Dame-Skulptur vor Hamburger Rathaus, Entwurf

Weltfrauentag: (c) Heinz Zolper, Liebe und Respekt. Dame-Skulptur vor Hamburger Rathaus, Entwurf

Heinz Zolper hat erst vor kurzem in einem Symposium zu Feminismus und Genderdiskussion in Vorbereitung zum Weltfrauentag 2020  zum wiederholten Male  auf die Bedeutung eines ganzheitlichen sozialen Lebens aufmerksam gemacht und Dominanzen außerhalb eines sachlich und ethisch verantwortbaren Kontextes eine klare Absage erteilt. Autoritärer Herrschaftsanspruch und nahe folgend Unterdrückungsmechanismen dürfen in einer aufgeklärten Welt keinen Platz haben. Sie sind ein Anachronismus, der allerdings sehr deutlich macht, wie schlecht es im einzelnen um Bildung und das Sozialgefüge von Gesellschaften und Gruppen bestellt ist.

Selbstständige Teilhabe am gemeinsamen Leben     

Angesichts der weltweit - und insbesondere auch in weiten Bereichen der sog. westlichen Hemisphäre –  geringeren Chance für Frauen und weitere unterpräsentierte Gesellschaftsbereiche auf selbstständige Teilhabe am gemeinsamen Leben, ist es letztlich nicht damit getan, nur einzelne Frauen zu privilegieren durch in Aussicht gestellte Führungspositionen. Solange bestehende Systeme lediglich Figurenaustausch versprechen, eine Konsolidierung der biologischen und psychischen Erfordernisse und Ziele jedoch von scheinbar ohnmächtigen Bereichen außer acht lässt, bleibt die bisherige funktionale Ausrichtung unverändert. Deshalb sollten Quotenregelungen auch nur als eine Mindestforderung in Form von ungehinderten und direkt einforderbaren Rechten erfolgen; alles andere geht an den Interessen von Mädchen und Frauen, aber auch anderer benachteiligter Gruppen (wie Kindern oder Minderheiten) vorbei. Eine Besserung des Status quo kann nur im Hinblick auf eine Gleichstellung und durchsetzbare Rechte für alle erfolgen. Denn was nützt es einzelne Schaltfiguren auszutauschen, ein ungerechtes System jedoch zu erhalten. Respekt vor Frauen, aber generell Respekt vor der gesamten Schöpfung, braucht klare Regeln und sichtbare Zeichen der Mahnung und Erinnerung. Respekt kann aber auch nur da wirklich entstehen, wo Selbstvertrauen und ein Verständnis für die Notwendigkeit der Liebe sich entwickeln.  Dies setzt selbstverständlich einen Prozess des Lernens und Verstehens voraus – bei den Betroffenen als auch bei den Menschen, die dies böse oder unwissend zu verhindern wissen. Ein solcher Prozess benötigt gleichzeitig entsprechenden Raum und Sicherheit, sonst kann er sich nicht entwickeln. Um eine Polarisierung zu vermeiden gilt es gleichzeitig deutlich zu machen, dass tatsächliche oder vermeintliche Herrschaftsansprüche die Persönlichkeit des Ausübenden verkrüppeln und seine Chancen einer positiven Teilhabe am Leben generell mindern. Letztlich spielt es ja keine entscheidende Rolle ob männlich, weiblich oder kindlich - was zählt ist die Vielfalt des Lebens. Die Achtung und Respekt vor sich und dem Gegenüber sind Grundvoraussetzung für jedes soziale Miteinander und jedes nachhaltige Leben. Missachtung und Respektlosigkeit, egal durch wen, sind hingegen asozial. Die Verfolgung dieser Ziele geht nur über einen Paradigmenwechsel in den Köpfen aller, wenn wir möchten, dass unserer Verhalten endlich durch Liebe und Respekt geprägt werden. Dies schließt selbstverständlich die gesellschaftliche Ächtung von missachtenden oder gar missbräuchlichen Verhalten und Taten mit ein. Nur diese Grenzen müssen für alle adäquat gelten, ungeachtet vom Geschlecht und Alter; und sie sollten nicht vor den Wirtschaftsinteressen einzelner Halt machen und natürlich die Erde mit allen Geschöpfen einschließen.

Achtung dem Anderen und der Umwelt gegenüber   

Diese Ziele verfolgt der Künstler Heinz Zolper (*1949) seit nunmehr einem halben Jahrhundert.  Und er hat für seinen Diskurs eine anpassungsfähige Metapher geschaffen, das sogenannte „Dame“-Bildnis – das er als weithin sichtbares Zeichen stärker in den Blick der Öffentlichkeit rücken möchte. Wenn Zolper Liebe erhofft und Respekt einfordert, so vertraut er auf nichts anderes als einen Prozess in des Wortes wahrer Bedeutung.  ‚Wieder-Schau‘ als wörtliche Übersetzung des lateinischen respectio bezieht sich auf die wiederholte Betrachtung und gründliche Beurteilung eines neuen Eindrucks, um der Begrenztheit und Oberflächlichkeit des ersten Blickes zu entgehen. Erst ein ständig Hinterfragen eigenen Tun und unserer unmittelbaren Sichtweisen kann zur Anerkennung der Rechte des Anderen und damit zu Achtung dem Anderen und der Umwelt gegenüber führen. Wo Liebe und Respekt jedoch fehlen oder nicht genügend Beachtung finden, verlieren letztlich alle, ungeachtet der vermeintlichen Machtposition. Insoweit ist Zolpers „Dame“, nicht nur ein vielfältiges Zeichen des eingeforderten Respektes vor den Frauen, sondern ein Mahn- und Denkmal für die Unvollständigkeit des Menschen und für ein soziales Miteinander. Der Künstler, dessen Werk die Winter Stiftung seit vielen Jahren begleitet, möchte seine „Dame“-Skulpturen im öffentlichen Raum nicht nur als Mahnmal verstanden wissen, sondern mit ihnen als weit sichtbares Denk-mal zur Motivation anregen. 

Literaturhinweise:
Magie der Malerei/oder/ wie es ist, Du selbst zu sein, Monografie, 2019, ArtForum Editions
Kain - Prinzip es Bösen, 2019, ArtForum Editions
Zolper, Damen-Kult, Katalog Dettmer art projects, ArtForum Editions

Weblinks:
Homepage des Künstlers
Kunststücke by Dettmer | art projects

Vergleiche auch: Fragments from now. For an unfinished future, Bundeskunsthalle, Bonn, 20.03. - 03.05.2020